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Der Publizist Hugo Bettauer fiel einem politischen Fanatiker zum Opfer, den Mörder begünstigte ein einseitiges Justizsystem. Eine Geschichte aus dem Chaos der Ersten Republik.
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Für die Reichspost ist es ein „gewerbsmäßiger Pornograph“, der im Wien des Jahres 1924 ein „Schmierantenblatt“ herausgibt, andere sprechen von einer „Fachzeitschrift für das Liebesgewerbe“. Die Deutsche Arbeiter Presse nennt Hugo Bettauer – von derb antisemitischen Angriffen abgesehen – einen „Schlammwühler“ und ein „perverses Kloakentier“, seine Zeitung ein „Schandblatt“.
Seit mehr als einem Jahrzehnt wohnt Bettauer zu dieser Zeit wieder in Wien. Nach einigen unruhigen Jahren in Deutschland und Amerika ist der Sohn eines jüdischen Börsenarrangeurs in die Stadt seiner Kindheit zurückgekehrt. In den USA arbeitete er unter anderem für einige deutschsprachige Zeitungen aus dem Medienimperium von Randolph Hearst und schrieb seine ersten Bücher. Nach seiner Rückkehr ist er in verschiedenen Redaktionen tätig, während des Krieges findet | er eine Anstellung bei der Neuen Freien Presse. Daneben schreibt Bettauer weiter Romane: einige Kriminalgeschichten, aber auch vieldiskutierte Schlüsselromane seiner Zeit wie Die Stadt ohne Juden.
Ein Schreiber für den Tag und die Masse
Als Bettauer dann gemeinsam mit Rudolf Olden die erste Ausgabe von Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik herausgibt, könnte man aus den Reaktionen der Presse schließen, dass er sich mit diesem Unternehmen nicht viele Freunde gemacht hat. Dagegen sprechen allerdings die Zahlen. Bereits die vierte Ausgabe der Zeitschrift verkauft sich über 60.000 Mal, neben anderen Bestsellern wird die Stadt ohne Juden mit internationaler Prominenz verfilmt. In der Literatur geht es dem Vielschreiber eher um spannende Geschichten und aktuellen politischen Bezug als um die Kunst. Seine Zeitung versteht er als Ratgeber für die Menschen seiner Zeit, als Beitrag zur Bekämpfung ihrer Probleme: der Armut und dafür verantwortliche Politiker, aber auch sexuelle Einengung durch herrschende Sitte.
Es ist tatsächlich eine Art von sexueller Revolution, die Bettauer heraufbeschwören will. Auf die Instanz der Ehe im Allgemeinen hat er es ebenso abgesehen wie im Besonderen auf den Bundeskanzler und Kirchenmann Ignaz Seipel, Österreichs obersten Vertreter einer strengen Sexualmoral. Derartige Gedanken stoßen bei der breiten Arbeiterschicht auf hohe Resonanz. Doch nicht nur in den Unterschichten wird Er und Sie verkauft, die Hefte füllen sich mit Kontaktanzeigen von Studenten und reichen Bürgern.
Beinahe so schnell wie die ersten Ausgaben vergriffen sind, werden sie auch beschlagnahmt. Es kommt zum „Bettauer-Prozess“, der von einer ungemein großen Öffentlichkeit verfolgt wird. Anhänger und Gegner treffen sich in einem überfüllten Gerichtssaal. In der Anklageschrift ist die Rede von Vergehen gegen Sittlichkeit und öffentliche Ordnung. Die Staatsanwaltschaft bringt als Hauptargument vor, die Hefte würden hauptsächlich von Jugendlichen gelesen. Im Zentrum der Verhandlung stehen einige Absätze mit erotischem Inhalt und die ein oder andere Kontaktanzeige einsamer Williger. Am Ende sind die Geschworenen von Bettauers Unschuld überzeugt und erklären alle Anklagepunkte für nichtig. Nach fünf berüchtigten Ausgaben von Er und Sie macht er sich nun an die Arbeit, eine neue Zeitschrift herauszubringen.
Während Bettauers Wochenschrift den Erfolg beim Publikum fortsetzt, überschlagen sich die Zeitungen in ihren Hetzartikeln. Die Reichspost nach dem Urteil: „Von heute an ist literarische Kuppelei, Jugendverführung und öffentliche Verbreitung von Unzucht für erlaubt erklärt.“ Mag sich der ganze Prozess aus heutiger Sicht nur um Lappalien gedreht haben, so erreicht doch die mediale Empörung über das Urteil erschreckende Ausmaße. Am 18. Oktober 1924 steht der Leitartikel in der Deutschen Arbeiter Presse unter dem Titel „Auf zur Selbsthilfe gegen Bettauer“. Und nicht nur werde die germanische, sondern auch „die Christenfaust zur Selbsthilfe“ greifen müssen, so der Volkssturm.
Mord und kaum Folgen
In einer schon von den Wurzeln her kränkelnden Demokratie bleiben solche Aufrufe nicht ohne Wirkung. Am Vormittag des 10. März 1925 begibt sich der arbeitslose Zahntechniker Otto Rothstock in die Redaktion von Bettauers Wochenschrift. Rothstock ist ehemaliger Parteigänger der Nationalsozialisten. Nur einzelne Punkte und nicht die Ideologie an sich hätten ihn von der Partei getrennt, wird er später aussagen. Die Sekretärin teilt ihm mit, Bettauer werde erst später wieder erwartet. Am Nachmittag kehrt Rothstock zeitgleich mit dem Herausgeber in die Redaktion zurück, unter dem Vorwand, er habe einen Brief auszuhändigen. Bettauer hält ihn für einen unter zahlreichen Bedürftigen, die er täglich empfängt, und bittet ihn in sein Büro. Dort zieht Rothstock einen Revolver und streckt sein Opfer mit insgesamt fünf Schüssen nieder. Zehn Tage später wird Hugo Bettauer seinen Verletzungen erliegen.
Im Büro eingeschlossen, stößt der Attentäter wahllos Möbel um und zerreist alle Papiere, die ihm unter die Finger kommen. Der Polizei ergibt er sich sofort. Im Sommer desselben Jahres muss sich Rothstock vor Gericht verantworten, seine Verteidigung übernimmt Walter Riehl, ehemaliger Chef der österreichischen Nationalsozialisten. Riehl geht mit einer klaren Strategie in den Prozess: von Bettauers schlechtem Ruf profitieren, dazu den Täter einerseits zum Rächer einer empörten Nation erklären, andererseits auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit plädieren.
Aus Rothstocks widersprüchlichen Aussagen lässt sich herauslesen, dass er wohl nie eine von Bettauers Schriften in Händen gehalten hat. Er behauptet, einige Romane gelesen zu haben, nennt aber keine Namen. Wenn er von den journalistischen Erzeugnissen spricht, bezieht er sich auf Nachahmerschriften à la Sie und Er, mit denen Bettauer nichts zu tun hat. Weder Polizei noch Richter oder Staatsanwalt gehen im Laufe der Ermittlungen und des Verfahrens gegen Otto Rothstock auf dessen Widersprüche ein.
Nach zwei psychiatrischen Gutachten wird Rothstock für allgemein zurechnungsfähig, zum Zeitpunkt der Tat aber „gänzlich seiner Sinne beraubt“ erklärt. Zwanzig Monate später entlässt man ihn aus der Heilanstalt Steinhof. Unter den Gesinnungsgenossen ein Held, kann Rothstock bald eine Gemeinschaftspraxis eröffnen. Die Tat mag aus weltanschaulichen Gründen erfolgt sein, jetzt erweist sie sich auch als förderlich für seine Karriere. Später zieht er nach Deutschland und kämpft im Zweiten Weltkrieg, den er überlebt. Gerüchte um einen Einsatz in den Reihen der Waffen-SS können nie nachgewiesen werden.
Von der Nazi-Ideologie hat sich Otto Rothstock zeitlebens ebenso wenig distanziert wie vom Mord an Hugo Bettauer. Das ein oder andere Mal meldete er sich in der Bundesrepublik noch zu Wort. Etwa als er in den 70er Jahren an die Bonner Bundesregierung schrieb, um den Sittenverfall im Deutschland der Nachkriegszeit zu beklagen. In einem Fernsehinterview dachte er nicht daran, Reue für den getanen Mord oder seine ideologische Irrungen zu zeigen.
Das Leben und der Tod Hugo Bettauers seien „symptomatisch für einen Abschnitt der österreichischen Innenpolitik, da man zu glauben begann, Geschichte mit Blut schreiben zu können“, schreibt Murray G. Hall, der in den Siebzigern mit seinem Buch den Fall Bettauer nachzeichnete. Für Bettauers Grabrede fand sich, bei all den Feinden aus Wiens Intellektuellenkreisen, ein Weltschriftsteller: Robert Musil wusste vom Ermordeten, den er für sein gesellschaftliches Engagement schätzte, zu sagen, dass er gefallen war „für die vornehmste Aufgabe seines Berufes: das auszusprechen, was man für richtig hält.“
Literatur:
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Murray G. Hall, Der Fall Bettauer, (Löcker Verlag, 1978)
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Hugo Bettauer, Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen, (Achilla Presse 1996)
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Hugo Bettauer Der Frauenmörder, Gelesen und mit Musik von Ulrich Tukur, (3 CDs , Roof Music 2002) |